NISA erzählt- Majorie Shostak

Ich zerschlage die Schale der Geschichte

Marjorie Shostak´„Nisa erzählt.
Das Leben einer Nomadenfrau in Afrika“

Ich zerschlage die Schale der Geschichte,
und ich erzähle dir, was darin ist.
Und ich beende sie wie die anderen,
die in den Sand gefallen sind, und der Wind wird sie davontragen.
Nisa - aus „Nisa erzählt“ Weiterlesen

In den 1960er Jahren bestand ein großes Interesse an den in Botswana und Namibia, teilweise nomadisch, und als Sammlerinnen und JägerInnen lebenden !Kung.
Forscher wie Richard Lee kamen 1963 ins Dobe Gebiet in Botswana und untersuchten in einem Langzeitprojekt die Lebensumstände der !Kung.
Auch die Kulturanthropologin Majorie Shostak bekommt 1969 einen Forschungsauftrag. Sie lebt insgesamt 2 Jahre bei den !Kung, auch Kung San oder Buschleute genannt, diese nennen sich selbst „Zhuntwasi“ wörtlich: „die wahren Menschen“.
Shostak tut alles, was sie kann um die !Kung zu verstehen. Sie lernt die Sprache, lebt in ihren Grashütten, ernährt sich wie sie, sitzt mit ihnen zusammen, geht mit den Frauen sammeln und den Männern jagen. Aber „Teilen und Beobachten“, die allerheiligste Disziplin der Anthropologie, wie sie es einmal ausdrückt, ist ihr nicht genug. Vor allem möchte sie wissen, als junge Frau, die aus einer Welt des Werteumbruchs kommt, wie die Kungfrauen über Sexualität und ihre Rollen als Frauen denken. Shostak möchte gerne Fragen für sich selbst, in ihrer Existenz als Frau, beantwortet haben. Sie fragt sich; „Sind die Kungfrauen eifersüchtig und welche Träume haben sie“. Sie unterhält sich immer mehr mit Frauen und im Laufe ihres Aufenthalts hält sie mit 8 Frauen intensive, protokollierte Interviews ab.  Eine der Frauen, sie ist rund 50 Jahre alt, sticht besonders durch ihre lebendigen Beschreibungen, auch intimer Themen hervor. Gemeinsam wählen sie für ihr Pseudonym den Namen Nisa aus. 
Marjorie Shostak lässt dann Nisa in ihrem Buch in ihrer kraftvollen Ausdrucksweise wortwörtlich erzählen.
Nisa spricht über ihre Kindheit, das Leben mit ihren Verwandten im Busch, über die Partnerwahl, über mehrere Ehen, über Schwangerschaften, über Sexualität und ihre Liebhaber. Sie erzählt über starke Gefühle, wie Bindungen, Trennungen und Verluste.
Wir erfahren von der immerwährenden Tätigkeit des Sammelns, von bestimmten Wurzeln, Beeren und Nüssen die als wichtige Lebensmittel und Handelsgut dienen und wie mit Bogen und Giftpfeilen gejagt wird.
Über die Heilkraft, das Num, erzählt uns Nisa und wie ihr Vater, der immer wieder zu Heilsitzungen gerufen wird, es gestärkt hat und wie auch sie als Frau in die Tradition des Heilens eingeführt wurde.

Sie beschreibt wie die 16 jährigen jungen Frauen, - die !Kung menstruieren später als westliche Frauen -, mit einem tagelangen Ritual von Isolierung und besonderen Essensvorschriften auf die Menstruation vorbereitet werden und wie die Frauen, um zu Gebären, alleine in den Busch gehen. 
Nisa erzählt, dass sie selbst ihren Ehepartner wählen durfte, über ihre Auflehnung gegen den Vater, dass sie immer wieder selbst bestimmte ob sie bei ihrem familiären Clan oder dem des Ehemannes leben wollte, dass sie wichtige rituelle Aufgaben, wie Heiltrancen in der Gemeinschaft durchführte. Ich denke, das alles belegt das egalitäre Verhältnis, den gleichwertigen Status von Frauen und Männern bei den !Kung 1969.
Das Buch ist so aufgebaut, dass Marjorie Shostak Nisa sprechen lässt und parallel die historischen und politischen Umstände erläutert, anthropologische Ergänzungen und ihre persönliche Sicht hinzufügt.
Shostak hat die schwierige Aufgabe nicht nur die Sprache der !Kung, mit ihren Klick Lauten zu übersetzen, sondern auch die persönliche Ausdrucksart von Nisa mit ausdrücklicher Betonungen durch Wiederholungen wichtiger Inhalte. Eine davon ist: „Wir haben gelebt und wir haben gelebt“.
Zehn Jahre braucht sie um die Texte von !Kung ins Englische zu übersetzen und das Buch fertig zu stellen. 1981 wird es von der Harvard University Press veröffentlicht.
„Nisa, The Life and Words of a !Kung Woman“ findet viel Aufmerksamkeit in der anthropologischen Fachwelt sowie auch in der Belletristik.

Majorie Shostak, die mit Mann und 3 Kindern in Massachusetts lebt und als Kulturanthropologin an der Universität lehrt, erfährt bei der Fertigstellung ihres Buches, dass sie Brustkrebs hat. Sie unterzieht sich einer Reihe von belastenden Behandlungen und ihr innigster Wunsch ist wieder nach Afrika zu Nisa zurück zu kehren.
Es gelingt ihr die Reise durch Forschungsgelder für eine Untersuchung der Ernährung der !Kung zu finanzieren und 20 Jahren nach der ersten Reise fährt sie 1989 wieder ins Dobe- Gebiet an den Rand der Kalahari.
Ihre geheime Hoffnung bei dieser Reise ist, wie sie uns im Buch gesteht, von den starken Kräften der Heiler und Heilerinnen profitieren zu können und nach Jahren der Angst vor der Krankheit und den quälenden Schmerzen wieder gesund zu werden.
Nach ihrer Rückkehr in die USA arbeitet sie am umfassenden Manuskript, verstirbt jedoch 1996, vor der Fertigstellung des neuen Buches im Kreis ihrer Familie und ihrer FreundInnen. Ihre KollegInnen stellen das Manuskript fertig und im Jahr 2000 wird „Return to Nisa“ veröffentlich. Auf Deutsch bekommt es den etwas reißerischen Titel „Ich folgte den Trommeln der Kalahari“.
Es ist ein berührendes, sehr persönliches Buch, bei dem Majorie Shostak uns in ihre Welt zu den !Kung und deren sich verändernde Lebensweise mitnimmt:
Wir erleben den Übergang vom Nomadentum zu einem immer sesshafteren Leben mit neuen Praktiken des landwirtschaftlichen Anbaus und der Tierhaltung und des Handels.
Wir begleiten Majorie Shostak bei ihrem Engagement die vertrauensvolle Nähe zu ihrer besonderen Freundin Nisa wieder zu gewinnen und wirksame Heilerinnen und Heiler und Musiker für ihr eigenes Heiltrance-Ritual zu finden. Wir spüren ihre Zweifel und Ängste, bei dieser Reise in den Busch, mit seinen Gefahren durch Löwen, die politischen Konstellationen und Kontrollen des Militärs und wir erkennen ihre Hoffnung auf ihre Heilung und ihre tiefe Liebe zum vertrauten Land.
Majorie Shostak „Nisa erzählt. Das Leben einer Nomadenfrau in Afrika“, 1982 Rheinbeck
Majorie Shostak „Ich folgte den Trommeln der Kalahari“ 2001 Rowohlt

 

 

 

 

 

Hermine Brzobohaty-Theuer | Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
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