Ein Forschungsbericht


Der Maskentanz

Sommer 1995, wir haben uns abends am Platz zwischen den kleinen Adobehäusern zusammengefunden. Bald wird der volle Mond hinter den Bergen aufgehen. Julies große Trommel dröhnt mit ihrem dunklen Ton, gibt die Basis auf der wir uns mit dem Rhythmen und Tönen bewegen.

13 Personen aus Deutschland, Österreich und den USA haben sich hier in Cuyamungue nördlich von Santa Fe / USA, getroffen, um einen rituellen Maskentanz miteinander zu gestalten.
Die Masken der Tiergeister sind geformt, die Kostüme im Entstehen. Die Mondkraft ist eingeladen, bei der Vollendung der Masken mitzuwirken. In Cuyamungue befindet sich das Institut für Ekstatische Trance und Rituelle Körperhaltungen.
Dr. Felicitas Goodman hat hier vor mehr als 20 Jahren Land erworben und das erste Haus eigenhändig mit Freundinnen, Freunden und Verwandten errichtet. Nun stehen hier einige Adobehäuser und 2 Kivas, dem kreisrunden Zeremonienraum der Pueblo BewohnerInnen.

Jeden Morgen stehen wir vor Sonnenaufgang auf, besteigen einen kleinen Hügel und begrüßen die Sonne. Nach dem Frühstück ruft Felicitas mit ihrer Kürbisrassel die TeilnehmerInnen in die Kiva. Wir wissen, dass wir uns in die Rituelle Trance begeben werden, um weitere Elemente und Inhalte bezüglich des Maskentanzes zu erfahren.
In der Kiva ist es kühl bei gedämpftem Licht. Wir setzen uns auf den Lehmboden. Rund um uns hängen bunte, phantastische Tiermasken und sehen uns aus großen Augen an.
Salbei wird entzündet, Maismehl in die sechs heiligen Richtungen verstreut, die Wesenheiten angerufen und eingeladen am Ritual teilzuhaben.
Felicitas zeigt uns die Haltung, mit der wir an diesem Tag arbeiten werden, und wir stellen uns atmend auf den Eintritt in die «andere Wirklichkeit» ein.

Felicitas D. GoodmanDer Rasselbeat beginnt und sofort bricht mir der Schweiß aus allen Poren. Ich bin überrascht, denn das hatte ich nicht erwartet. Voll der Anstrengung versuche ich es mir leichter zu machen. So bin ich froh und voller Dankbarkeit als meine Tierverbündete «die Falkin» erscheint und mich in der Trance auf ihren Flügeln mitnimmt.
Sie trägt mich über die grünen europäischen, dann über die roten mexikanischen Berge. Vor mir sehe ich plötzlich eine Gruppe von federngeschmückten Frauen, die sich im Tanz bewegen. Sorgsam versuche ich, mir ihre Bewegungen und Schritte einzuprägen. Es ist ein komplizierter kraftvoller Tanz. Die Tänzerinnen stehen im Kreis, setzen konzentriert ihre Füße nach vorne, rechts, links…
Sie schwenken die Arme hoch, beugen den Oberkörper vor und drehen sich um ihre eigene Achse.

In meine Ohren tönen Gesänge und plötzlich bemerke ich, dass ich überhaupt nicht mehr müde bin. Gerne würde ich in dieser Energie noch lange verweilen, doch die Rassel endet.
Voller Freude erkenne ich beim «Zurückkommen», dass ich das Geschenk des Feuertanzes – einen komplizierten kraftvollen Tanz – für unseren Maskentanz bekommen habe.

Die Körperhaltung die dieser Trancereise zugrunde lag und von deren Erfahrungen ich hier kurz erzählte – war die «Adena-Pipe Haltung», benannt nach einer Pfeife, die genau diese rituelle Haltung widerspiegelt. Indem wir sie mit unseren Körpern nachvollzogen und uns dabei dem Klang der Rassel hingaben, hat sie uns tief mit dem Thema der Heilung und des Wahrsagens in Kontakt gebracht.
Dabei wurde ganz deutlich, dass uns jede Haltung in ganz spezielle abgegrenzte Räume des visionären Erlebens führt. Sie betreffen archetypische Erfahrungen wie Heilen, Verwandlung, Seelenfahrt, Wahrsagen, Geburt, Tod und erzählen uns aus den Mythen darüber.
«Adena Pipe» aber ist nur eine von mittlerweile 60 wieder entdeckten Haltungen, die Felicitas Goodman und ihr Team in den letzten 20 Jahren erforscht haben!

Die Wiederentdeckung

Felicitas Goodman gelang diese Wiederentdeckung einer jahrtausende alten schamanischen Praxis. Sie kam in ihrem Studium mit veränderten Bewusstseinszuständen in Berührung, erforschte diese bei den Pfingstgemeinschaften in Yukatan/Mexico und brachte sie auf die Universität. Hier erprobte sie vier Jahre lang mit StudentInnen durch rhythmische Anregung induzierte Trancezustände.
Dabei kam jedoch kein religiöses Erleben zustande. Erst als die Verbindung mit bestimmten, manchmal etwas merkwürdigen Körperhaltungen hergestellt wurde, war das Tor zum religiösen Tranceerleben geöffnet. Rhythmische Anregung und spezifische Körperhaltungen erschließen uns seither die Welt uralter Rituale. Die Positionen selbst leiten sich von Haltungen ab, die wir in der Kunst und Kultur, von der Frühgeschichte an, in verschiedenen Zeitepochen als Statuen, Reliefs und Höhlenmalereien finden können.
Während der Trancereise wird die gewählte Haltung immer von einem ganz spezifischen Rassel- oder Trommelbeat begleitet. Exakt 210 Schläge in der Minute aktivieren das neurophysiologische System und tragen (manchmal in ebenso rasender Geschwindigkeit) in veränderte Bewusstseinszustände.

Wissenschaftliche Untersuchungen

Durch Untersuchungen an der Universität München und Wien wissen wir nun, dass ganz gravierende körperliche Veränderungen in diesen Trancen ausgelöst werden.
Unter der Leitung von Professor Dr.Giselher Guttmann wurde am psychologischen Institut in Wien das Spannungspotential der Gehirnrinde gemessen. Im normalen Konzentrationszustand sind die Schwankungen sehr gering und steigen bis zu 100 Mikrovolt. Während des Schlafes tritt ein Abfall von 3000 - 4000 Mikrovolt auf und in der Trance stellte sich heraus, dass ein enorm großer Anstieg von 2000 Mikrovolt erfolgte. Die Personen gerieten also in einen Zustand extrem hoher Aktivierung.
Das wäre an sich noch nicht so verwunderlich. Aber in der Kombination mit den gemessenen Thetawellen, die sonst nur im Schlafzustand auftreten, ist es als insgesamt paradoxer Zustand von Erregung und Deaktivierung anzusehen.
Der Blutdruck sinkt, während sich der Puls erhöht. Ein Vorgang, der sonst nur bei lebensbedrohlichen Krisen, wie beim Verbluten auftritt. Im Blutserum wird der Gehalt an Streßhormonen wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol verringert. Gleichzeitig wird Beta-Endorphin, das schmerzstillende Hormon ausgeschüttet. All das sind Vorgänge, die entspanntes Wohlbefinden bis ekstatisches Entzücken hervorbringen können.

Die Brusthaltungen

Figur aus AmerikaSchon von der Kindheit an hatte mich unsere kulturelle Geschichte und unser Erbe besonders interessiert. Wo kommen wir her – was bringen wir mit? Was dachten, fühlten unsere Ahninnen, die Vorausgegangenen?
Später wollte ich vor allem die verborgene und ignorierte Geschichte der Frauen erkunden.
Archäologische Arbeit an archäologischen Berichten war dazu notwendig und wurde vor allem auch von Marie König und Marija Gimbutas erbracht und beschrieben.
Prähistorische Frauenstatuetten und Höhlenmalereien hatten mich persönlich in ihren Bann gezogen, und ich wollte das in ihnen verborgene Wissen entschlüsseln. So war die Entdeckung Dr. Goodmans Trancearbeit – die ein Eintauchen in das innere Erleben der Vergangenheit ermöglicht – das Missing Link in meiner persönlichen Forschungsarbeit.
Bei dieser Forschungsreise in diese weiblichen Kräfte der Vergangenheit, die voll der Gegenwart sind, entdeckte ich in Bibliotheken, Museen und auf Reisen immer mehr Bildmaterial zu den bis vor kurzem noch unerforschten «Brusthaltungen».
Je mehr sie mein Interesse weckten umso zahlreicher strömten sie mir zu. Mehr und mehr Abbildungen von Frauenstatuetten – so oft – in der immer gleichen Haltung! Sie waren einst Teil von Kulturen des Mittelmeerraumes mit Griechenland, Malta, Türkei, Zypern und Bulgarien. Aber auch im Vorderen Orient wie Israel, Palästina, Syrien und dem Iran, sowie in Afrika, Indien und Mittelamerika gab es Funde dazu. Weitere Haltungen, bei denen die Hände auf die Brüste oder zwischen die Brüste gelegt werden, sind z.B. die der Frau von Willendorf (Österreich). Sie steht und legt die Hände oben auf den Brustansatz. Die Finger sind aneinandergelegt und schauen zum Brustbein, mit drei cm Abstand. Diese Geste finden wir auch bei der «Frau von Lespugue» aus Frankreich. Mit ihren geschätzten 25.000 Jahren ist sie 2.000 Jahre jünger als die Frau von Willendorf. Eine andere weitere Variation der Brusthaltung finden wir bei der

Göttin Tlacolteotl

Sie stammt aus Mittelamerika und ist die Göttin der Liebe und – ob du es glaubst oder nicht – der Exkremente. Eine im westeuropäisch, christlich fundierten Denken kaum vorstellbare Kombination. Sie stellt sich zur Verfügung schädliche Einflüsse auf zu essen (und als vernünftige Person auch wieder auszuscheiden).

Die Dame von Hacilar

Specksteinfigur aus HacilarUnter all den Entdeckungen und Funden begeisterte ich mich ganz besonders für eine kleine Specksteinfigur. Sie trägt einen Schlangenkopf, hat ihren Körper mit Zacken und Linien bemalt und bettet ihre Brüste in ihren Händen.
Diese Figur strahlt ganz viel Witz, Selbstbewusstsein und Kraft aus. Sie stammt aus Hacilar in der Türkei und ist vor ca. 7.400 Jahren gestaltet worden.
So wartete ich voller Spannung darauf, welche archetypischen Bilder und Heilerfahrungen in dieser ganz speziellen weiblichen Haltung verborgen lagen.
Nachfolgend der Erfahrungsbericht einer der Frauen, die mittels einer Trancereise in die innewohnende Kraft dieser Haltung eintauchte. «Geburt, Tod und die lebendige Dreiheit»
«Ich sehe die Muttergottes aus Lourdes. Plötzlich schießen spitze Messer und Pfeile aus meinen Brüsten. Ich spritze meine Milch ganz weit… sehe eine Wölfin. Romulus und Remus liegen auf ihr und trinken.
Da taucht die heilige Bernadette auf, sie ist weiß verhüllt… Kali kommt hinzu, sie hält in jedem Arm ein Schwert, als auch schon Salome und Judith erscheinen, mit dem Haupt des Holofernes… Ich gebe einen kurzen Ruf von mir, weil es mir zu wild wird. Sofort ist die Muttergottes beruhigend auf meiner Seite.
Magische grüne Pfeile schießen nun aus meinen Augen. Meine Vagina öffnet sich und gebiert. Sie ist schön haarig und monströs. Dazwischen immer wieder das Meer, mal beruhigend, mal wild – die Mutter, die Leben gibt und Leben nimmt. Ein Lichtstrahl schießt von unten durch meinen Körper und hinauf bis zu meinem Hals. Ich fühle mich ekstatisch, sexuell und in Zeitlosigkeit geborgen.»

Eine andere Teilnehmerin der oben beschriebenen Trancehaltung berichtet weiter:
«Vor mir entstehen Halme, die aus sich herauswachsen. Ein Bogen läuft durch meine Kehle, daran hängen Flügel, meine im normalen Alltag unteraktive Schilddrüse wird belebt. Ich denke an ein Gedicht von Gitta Mallasz… ich tanze im Takt, ganz frei und nackt – im Pulsschlag der Welt – die alles enthält… aus meiner Kehle tönt es laut und röhrend. Mit diesem Ton entsteht ein Wald. Zwischen den Stämmen schimmert ein Lichtstrahl hindurch, der sich in Dunkelheit verwandelt. Ein älterer Mann tritt gemessenen Schrittes heraus. An seiner Kopfbedeckung erkenne ich ihn als Hohenpriester. Er leuchtet mit einer Lampe die mit Zeichen und Reliefs bedeckten Wände ab. Ich weiß ganz plötzlich, dass er die Botschaft der Großmutter Ana sucht. Sie ist es, die mir das Bild eines bunten Schurzes mit flatternden Bändern vermittelt.
Ich soll ihn schwingendem Schritt tragen und dies wird meine Kreuzschmerzen lindern, sagt sie. Dann sehe ich ein dreilappiges Fenster. Ganz deutlich weist es mich auf den dritten Punkt hin.
Der erste Punkt ist die Schilddrüse, der zweite das Sakrum, und der dritte mein Schoß.

Ich lasse meine Energie lustvoll vom Schoß zum Sakrum und zur Kehle kreisen. Spüre mich hüpfend tanzen. Wild, kraftvoll und herausfordernd. Mein Lachen explodiert wie Popcorn.»

Der Nutzen von Trance und schamanischen Praktiken

Die Geschenke, die aus dieser «anderen Wirklichkeit» mitgebracht werden, wirken auf mehreren Ebenen.
Wie in dem oben beschriebenen Erfahrungsbericht wird das Befinden nach der Trance oft als beschwingt, leicht und heiter erlebt. Viele erleben besonders in den Tagen danach Gelassenheit und Freude bei ihren alltäglichen Aufgaben. Auch Antworten bei Fragen, die sich auf alltägliche Themen wie Gesundheit, Wohnen, Beruf oder andere Lebensumstände beziehen, sind über Trancen leicht zugänglich. Dabei ist ganz wichtig, was Nana Nauwald so treffend beschreibt.
«Willentlich herbeigeführte schamanistische Bewusstseinszustände können lustvoll, sinnerkennend und heilend wirken. Sie sind nach entsprechender Einweisung für jede und jeden erfahrbar, ohne Dogmen und vorgegebene Abhängigkeitsmuster von Gurus, Erleuchteten und MeisterInnen. Hinzu kommt die Einbettung dieser Methoden in ein Weltbild der Naturerfahrung und Naturverehrung. Der Glaube an die Beseeltheit von allem was ist. Wer die Erfahrung gemacht hat, dass alles Leben eins ist, alles mit allem verbunden ist und die Existenz der «Wesensessenz» unabhängig ist von materiellen Erscheinungsformen, Zeit und Raum, kann auch in der alltäglichen Wirklichkeit intensiver und unabhängiger leben.»

Gerade die Trancehaltung der «Frau von Hacilar» vermittelt Frauen das starke Spüren einer enormen Kraft, Bestimmtheit und Souveränität als Frau. Die Kraft wurde erlebt als Freiheit, Würde, Sinnlichkeit und «im Fluss sein». Andere erleben sich als feurig, wild, beherzt, sexuell und ermutigt.
Das Berühren der Brüste während der Trance wurde als angenehm akzeptierend erlebt. Ein neues Gefühl des sich Mögens stellte sich ein. Manchmal ist das Erlebte so überwältigend schön, dass es den Frauen schwer fällt, Worte dafür zu finden. Ein Gefühl des Einsseins und des Verbundenseins mit allem, was ist koppelt an alle Erfahrungen. Diese Verbundenheit und Harmonie bezeichnen die Navajo des Südwestens der USA als Hozho.

Wenn Hozho regiert....

....ist alles in bester Ordnung. Gesundheit, Glück, Schönheit und Wohlbefinden erfreuen die Menschen. Das Abweichen von Hozho bringt Krankheit und Hässlichkeit in die Welt, kann aber wieder mit Hilfe der Geister und mit den entsprechenden Ritualen hergestellt werden.

Auf ein weiteres Nutzungsfeld der rituellen Körperhaltungen weist Barbara Hand Clow in ihren gechannelten Botschaften hin. Sie schreibt, dass das Einnehmen von Yogahaltungen, Mudras und physischen Körperhaltungen beim Eintritt in den Bereich des kosmischen Photonenringes und der dadurch sich beschleunigenden Energie uns als Menschheit behilflich sein wird, unsere Integrität zu behalten.

Abschließend ein Gedicht aus der Tradition der amerikanischen Ureinwohner, dass Felicitas D. Goodman an uns weitergegeben hat.

Felicitas D. Goodman
Felicitas D. Goodman 1914 - 2005

Schönheit vor uns
Schönheit über uns
Schönheit unter uns
Schönheit um uns
Lasst uns den schönen Weg gehen!








Der Artikel wurde in der Zeitschrift Tiamat 1998 veröffentlicht.

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Hermine Brzobohaty-Theuer | Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
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